Labile Gefühle

Eine persönliche Annäherung an verdrängte Schuld und Gefühlserbschaft

 

Meine Großmutter ist ab dem Alter von sechs Jahren mit zwei jüdischen Stiefbrüdern und einem jüdischen Stiefvater, die sie alle sehr liebte, aufgewachsen. 1933 musste die Familie aus Deutschland fliehen und meine Oma war mit dem älteren Bruder verlobt. Als der Stiefvater 1934 starb, kam sie mit ihrer Mutter nach Deutschland zurück und hat kurz danach heimlich einen Künstler geheiratet, der aus einer ideologisch verseuchten Nazifamilie kam. Dies wurde mein Großvater

 

Die Tatsache, dass er bei der SS war wurde mir verschwiegen, ebenso, dass er nicht nur als Kriegsberichterstatter, sondern auch in einem KZ arbeitete.

 

Er kam nach einem Fronteinsatz in französische Kriegsgefangenschaft, aus der er Ende 1947 angeblich mit Tuberkulose zurückkehrte und daran 1956 starb. Mein Vater war 13 Jahre alt und hat dies als große Lücke empfunden.

 

Doch die Ehe ist sehr unglücklich gewesen. Meine Oma liebte diesen Künstler wie verrückt, wie unzählige Briefe demonstrieren, aber er war nie da und hatte ständig andere Frauen.

 

Die jüdischen Stiefbrüder lebten mittlerweile in den USA und wollten mit ihrer Schwester nichts mehr zu tun haben, solange sie zu ihrem Ehemann stand. Der ältere, Robert S. Hartmann, widmete sein Leben der Organization des Guten, machte schließlich Karriere als Philosoph und wurde 1972 kurz vor seinem Tod für den Friedensnobelpreis nominiert. Ich habe ihn nie kennengelernt. Der andere, Onkel Heini kam uns regelmäßig besuchen, denn Günter, mein Großvater, lebte ja nicht mehr.

 

Ich habe all dies nie gewusst. Ein Mantel des Schweigens lag über der Kindheit meines Vaters. Doch ich spürte Schmerz, Trauer, Wut, Verehrung, Zwiespalt und Ungesagtes.

Unstable feelings
a personal approach to repressed guilt and emotional legacy

My grandmother grew up from the age of six with two Jewish stepbrothers and a Jewish stepfather, all of whom she loved dearly. In 1933, the family had to flee Germany and my grandmother was engaged to the older brother. When the stepfather died in 1934, she returned to Germany with her mother and shortly thereafter secretly married an artist who came from an ideologically contaminated Nazi family. This became my grandfather

The fact that he was in the SS was concealed from me, as was the fact that he worked not only as a war correspondent but also in a concentration camp.

He was taken prisoner of war in France after a stint at the front, from which he supposedly returned with tuberculosis at the end of 1947 and died of it in 1956. My father was 13 years old and felt this as a big gap.

But the marriage was very unhappy. My grandmother loved this artist like crazy, as countless letters demonstrate, but he was never around and had other women all the time.

The Jewish stepbrothers meanwhile lived in the USA and wanted nothing to do with their sister as long as she stood by her husband. The older one, Robert S. Hartmann, dedicated his life to the organization of good, eventually made a career as a philosopher and was nominated for the Nobel Peace Prize in 1972 shortly before his death. I never met him. The other, Uncle Heini, came to visit us regularly, because Günter, my grandfather, was no longer alive.

I never knew all this. A cloak of silence lay over my father's childhood. But I felt pain, sadness, anger, adoration, discord and unsaid things.